Freitag, 27. April 2012

Die Ohnmacht der Stummen

Hmm, nun also Hausverbot in der Tangobar. Förmlich via mail mitgeteilt. 
Begründung: Mehrere Tänzer empfinden meine Anwesenheit als störend.
Das finde ich wirklich schade, einerseits, dass Tänzer (auch Tänzerinnen?) so empfinden, andererseits, dass deren Einfluss so groß sein muss, dass dieses Verbot tatsächlich ausgesprochen wird.
Im letzten Buch von Glavinic ändert sich das Leben des Protagonisten dergestalt, dass einfach seine Wünsche in Erfüllung gehen. Einfach so.

Den Tänzern muss es gerade genauso gehen. Der da stört, bitte Hausverbot.
Schwupps, ausgesprochen.
Bin ich froh, dass mir das noch nicht passiert ist, wieviele Leichen würden meinen Weg pflastern, wieviele sehr lieb gewonnene Menschen würden den Weg zur Hölle suchen, wieviele mir eher doch Unbekannte im Straßenverkehr würden nie wieder ihre Kinder in den Arm nehmen können.


In den Kommentaren zur Umfrage gibt es nicht wenige Stimmen, denen die Konflikte in der Tangoszene ziemlich auf den Wecker gehen, das Primat des Tanz des Herzens, das naive Habt Euch alle lieb wird bemüht.
Tango war immer Konflikt, der teilweise sogar mit den Messern auf der Tanzfläche ausgetragen wurde. Tanzordnung nicht eingehalten, dem falschen reingestiegen, eine kurze Verwarnung und beim nächsten Mal Stich, mitten beim Tanzen.
Das hat seine Vorteile, wir Entwickelten regeln das anders. 
Viiiel gemeiner.


Jeder reflektierte Mensch erkennt im Laufe des Lebens immer mehr, dass Gut und Böse doch nicht so scharf begrenzt daherkommen, dass sich vieles im Nachhinein, in der Detailbetrachtung, in der eigenen Entwicklung als anders, notwendig, unumgänglich darstellt.
Das ist in dem Biotop Wiener Tangoszene nicht anders. 


Eines bedingt das andere, das System ist immer ausgeglichen.
Jedes veröffentlichte Wissen, veröffentlichte Meinung, jedes schlecht über andere Reden, Ausrichten setzt den Sender gehörig unter Druck. Da muss einer schon was drauf haben, sonst schweigt er besser. (und ist wenigstens lieb... und stumm)
Und erzeugt natürlich Gegenreaktionen. Und so entsteht eine gewisse Energie, die für einige unerträglich scheint, für andere gerade einen Jungbrunnen darstellt. Für die einen völlig unnötige Geschlechtsteilgrößenzurschaustellungen unter Jungpavianen, für die anderen unabdingbare Dynamik zu einer besseren (Tango)Welt.


Dann gibt es natürlich auch ein Publikum, dass gesellschaftspolitisch völlig korrekt den Anschein erwecken muss, dass Konflikte natürlich ganz schlecht, auf Nachfrage dann doch eher nicht, aber auf jeden Fall dieser schon und in der Art sowieso ganz untragbar sind.
Die Zugriffszahlen dieses blogs und die Verkaufszahlen von Societymagazinen teilen sich die Freude über die Lust am Konflikt dieses konfliktvermeidenden Publikums.


Tanda und Spiele, die nächste Runde ist eröffnet!
Es gibt in facebook übrigens eine neue Gruppe, die es jedem ermöglicht Hausverbote auszusprechen, auch über sich selbst.


Konflikte sollten natürlich einmal gelöst werden, spätestens dann, wenn der Energieeinsatz zur Aufrechterhaltung die positiven Seiten überwiegt.
Sind wir in diesem Konflikt schon an diesem Punkt? Ich kann es nicht beurteilen; dass Hausverbote ausgesprochen werden ist sicher kein vielversprechendes Signal.*
(*es gibt übrigens auch in der Galeria ein Hausverbot, das allerdings nicht von mir ausgesprochen wurde, sondern die Beteiligten haben dies selbst in Form eines Angebots ausgesprochen "wenn meine Schwester heute zahlen muss, kommen wir nie wieder", was ich akzeptiert habe und die Schwester hat auch nichts gezahlt.)


Warten wir ab, was passiert. Mein Visier ist offen.
Don Xello
Hausverbotsbesitzer

Kommentare:

  1. Das darf doch bitte nicht wahr sein.

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    1. Meinen Sie das Hausverbot oder die Tatsache, dass man darüber so eine schwülstig-intellektuelle Geschichte schreiben kann?

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    2. beides, jetzt anfangs ist das zwar alles erfrischend neu, belustigend und umkrempelnd. mit der zeit, falls der zustand anhält, wird's allerdings fad und schal

      bin gespannt auf die weitere entwicklung.

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  2. Mein lieber Don Bello, wie immer sehr wortgewaltig, diesmal mehr (selbst-?)reflektiert. Dein unverzagtes lustvoll-kritisches Geplänkel mit (fast) allem und allen in der Tangowelt erinnert mich an die leider unerfüllt bleiben müssende Liebesaffaire zwischen dem Mann mit Tourette und der Glasknochenfrau. Oder an die laute Beteuerung "er will ja nur spielen", mit der ja auch schon einige Bisswunden einhergingen. Dir ganz und gar lovingly ins Stammbuch geschrieben.

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  3. Vielleicht sollte der liebe Don das Ganze nicht so philosophisch zerschwafeln (Aua) sondern die Sache so simpel erkennen wie sie ist: seine Art und sein - Verzeihung - Narzissmus, geht halt manchmal ganz schön auf die Nerven.
    Die im Artikel, leider nur angedeutete, Selbst-Reflexion wäre wärmstens und in voller Tiefe zu empfehlen.
    Auch wenn es nicht die feine Klinge ist, ich finde das Hausverbot ok & irgendwie erfrischend.

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  4. Ich finde ja immer wieder spannend wie man auf die Idee kommt jemandem mitteilen zu wollen was er tun und lassen sollte um "was auch immer" zu erreichen. Dass erbostes Lesen nicht sofort zu eigenem Denken und Schaffen sonder geradeaus zur massregelnden Überhebung führt, ist ein irritierendes Phänomen. Ich habe in keiner Xellos noch so subjektiver Wahrnehmung eine Aufforderung zur Zustimmung entdeckt, und in kaum einer Entgegnung den Mut zu einer eigenen Beurteilung aus eigener Meinung.
    Wäre das nicht wesentlich glaubwürdiger und belebender?
    Aus meiner Sicht liegt der Finger auf der Wunde wenn Polemik solche Massnahmen zeitigt. Nein , Don Xello , der Tangolehrer gibt es gute in Wien - es gibt zu wenig Leidenschaft für die Verbesserung von Fähigkeit und Können - Genügsamkeit ist der Luxus der Besitzenden und wo kein Hunger entsteht verliert sich vieles in der stumpfen täglichen Sättigung. Daher sprühen nur selten Funken auf den Wiener Pistas . Ich mache das denen nicht zum Vorwurf die sich bemühen der Gemütlichkeit etwas Esprit einzuhauchen. Der Verführer Tango vermag auch zur Selbsttäuschung zu verführen. Darüber mit ihm irgendwo angekommen zu sein .

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  5. Hallo Christian!
    Nur so aus Neugier - hast du ein richtiges offizielles Hausverbot, oder hat man dir einfach per Mail mitgeteilt dass du nicht mehr willkommen bist?
    Oskar

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    1. Hi Oskar, via mail, sehr nett, wienerische Art. "... Nachdem uns gestern mehrere Tänzer informiert haben, dass sie Deine Anwesenheit in der Tangobar als störend empfinden, bitten wir Dich in Hinkunft die Tangobar Milonga nicht mehr zu besuchen.
      Danke für Dein Verständnis."
      Das nenne ich feine Klinge, v.a. die Schlussbitte um Verständnis.
      Ich glaube nicht, dass dies ein Hausverbot de jure darstellt, aber ich akzeptiere es ohnehin, wer will schon wo sein, wo er nicht erwünscht ist.
      Wird der Tangobar mehr schaden als nutzen.
      Schönen 1. Mai noch, Freundschaft!

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  6. Ich würde sagen einerseits ist das de jure wirklich kein Hausverbot, andererseits halte ich die Begründung für eine Ausrede. Schauen wir uns mal die Fakten an. Als Milongabetreiber kannst du meiner Meinung nach nur deine eigene Milonga loben, die anderen verarschen ist gelinde gesagt, eine Provokation für die anderen Betreiber. In deiner Situation ist das ein klassischer Interessenskonflikt. Nachdem ich mir deine "Bewertungen" der anderen Milongas angeschaut hab, wundert es mich, dass du überhaupt noch wo rein darfst, außer bei der eigenen Milonga und in anderen Städten.

    Als einer, der in Linz, Salzburg und Steyr, und sooft es geht in Italien tanzt, aber ganz selten in Wien, kann ich dir sagen, dass die von dir spöttisch behandelte Milonga in der Bäckerstraße vor kurzem erstklassige traditionelle Musik, ein sehr gut tanzendendes italienisches Touristenpaar und auch sonst einige wunderbar tanzende Damen hatte. Die Wiener Männer waren beim Aufforderungsverhalten für meine Partnerin ein bisserl zäh - sie (die Wiener Männer) sind halt unsere "Portenias" und offenbar ein bisserl schüchtern (ein dickes Lob den Ausnahmen). Noch etwas ist erwähnenswert - von den wenigen Milongas in Wien die ich kenne, hatte diese den kleinsten "Schnöselfaktor". Ein nicht unwesentlicher Aspekt für einen Provinzler!
    In diesem Sinne Freundschaft!
    Oskar
    p.s.: die internationale Milonga in der Galeria, veranstaltet von Bernhard Gehberger war erstklassig. Gute Veranstaltungen bringen sicher mehr als über andere zu lästern!

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    1. Schreib Deine Eindrücke als Kommentar bei der Bäckerstraße dazu, damit es alle lesen können. Das ist der Sinn dieses blogs, nicht nur Kästchen in einem Kalender zu haben, sondern auch Berichte von Tanzenden.
      Wenn er eine gewisse Länge hat, kann ich ihn auch als eigenen post veröffentlichen.

      Deine Einschätzung von spöttisch teile ich nicht, war auch nicht meine Absicht. Zitier mir doch aus dem Bäckerstraße Bericht Stellen, die Deine Einschätzung bekräftigen. Das wäre hilfreich, weil offenbar große Interpretationsspielräume möglich sind.

      Die Verwunderung darüber, dass Du Hausverbote als Reaktion auf einen geschriebenen blog (der explizit zum Widerspruch und Gegenpositionen auffordert) offenbar für normal hältst, ist allerdings hoch. Ich finde solche Konversationen wie die jetzt um einiges sinnvoller.

      18. Mai ist die nächste internationale Milonga in der Galeria.

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